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1. “Das Buch” gibt es nicht. Es war einmal. Was wir bisher darunter verstanden, ist eine Kombination von mehren Bestandteilen, die jetzt auseinanderfallen:
- der Text (Resultat des Schrift-Stellens); zu Betonen wäre hier imho die besondere Leistung des Buches, eine abgeschlossene Auswahl von Texte(n) zu präsentieren [meinem Begriff nach ist "Buch" größer als "Text", aber vielleicht verstehst du, ml, "Text" schon als diese Einheit]. Ein Buch kann man durchlesen und danach ist es fertig. Diese Portionierung von Text(en) ist kulturell und für die so sozialisierten LeserInnen (noch) enorm wichtig.
Das stimmt schon, das ist wichtig.
- der Paratext (also z.B. Vorwort, Klappentext, Titel, Informationen zu AutorIn/HerausgeberIn/ÜbersetzerIn, Inhaltsverzeichnis; zu Verlag, Druckort, Erscheinungsjahr, Auflage; zu Papierqualität; verwendeter Drucktype etc.) Meiner (anekdotischen) Erfahrung nach fehlen zB manchen gemeinfreien Texte, die zB auf Amazon (nicht so gekennzeichnet) als PoD angeboten werden, Paratexte vollständig -- was (noch) etwas irritierend sein kann.
[Ja. Der Paratext macht "Text" zu einem "Buchtext". Wenn es künftig "Buchtexte ohne Buch" gibt, wird es weiter Paratexte geben, aber sie werden sich verändern.]
- die seitenorientierte Satz-Struktur des Textes (vom linearen Schrift-Satz bis zum durchbrochen-didaktischen visualisierten Layout); die feste Bindung (Festlegung auf einen Versionsstand; im Gegensatz zur Loseblattsammlung).
- das fabrikmäßig hergestellte physische Ding (Objekt der Buchbinderei), auch Monument;
- die Ware (was ausgeliefert, gelagert und in Buchhandlungen verkauft wird);
- ein spezielles Lesegerät ohne Batterie und Software, das mit einem einzigen Text fest verbunden ist;
- das kulturell aufgeladene soziale Objekt (aufgeladen durch Design, Materialität (Ledereinband, Goldschnitt ...), durch die Rezeption, durch den Gebrauch - z.B. Display im Bücherregal zur Herstellung einer bildungsbürgerlichen Aura).
2. Amazon verkauft für den Kindle nicht “Bücher”, sondern Texte. Doch auch diese Aussage greift zu kurz. Genauer: Amazon verkauft bestimmte Nutzungsrechte für Text. So sind Beispielweise Verleihen oder Weiterverkauf des Textes nicht mehr möglich. (Allerdings ahmen e-Reader - noch - die Seitenorientierung nach). (Das gab es noch nie in der Kulturgeschichte: Dass pure Texte, Lesestoff, in großem Stil zirkulieren und ihre Nutzungsrechte gehandelt werden.) [Halt: Das gab es doch schon einmal, wenn meine dunstigen historischen Kenntnisse jetzt nicht trügen: die ersten 100 Jahre der Gutenberg-Galaxis oder so waren wohl sehr stark Flugschriften-Galaxis, verkauft für ein paar Heller oder wie immer die Währung damals hieß.]
3. “Digitale Bücher” sind keine Bücher mehr. Ein Buch ist ein physisches Ding. Was wir “digitale Bücher” nennen, sind Texte, die jetzt ein neues Format gefunden haben, das ihr eigentliches Wesen sehr viel direkter ausdrückt. [Das herkömmliche "Buch" ist eine scheinbar natürliche Synthese aus zweierlei: aus einem Stück Sprache, das als geschlossenes, relativ massives & dauerhaftes "Buch" faszinierender Weise zu einem Ding, einem Monument wird (was Sprache ja eigentlich eben genau nicht ist, und fliegende Blätter auch nicht). Und es ist zugleich "Buchtext" gewesen, also eine Sammlung von Seiten zum Lesen, bei denen alles Physische nur der Lese-Erfahrung dient und ansonsten stört bzw.marginal ist. Jetzt zerfällt das in zwei Formen.]
4. Der Text ist das, was eigentlich gelesen wird. Texte werden eigentlich Texte erst dann, wenn sie möglichst ohne spürbaren Widerstand von “Screens” aufgenommen werden können. Buchseiten entwickelten sich mit immer perfekterer Papier- und Drucktechnologie zu “Screens”. Äußerer Markierungspunkt für diesen fundamentalen Umbruch sind wahrscheinlich die neuen “Sachbücher” der 20er jahre, die in den ‘modernen’ serifenlosen Schriften gedruckt wurden.
5. (Fußnote: Ein Text ist ein Grenzfall von Materialität und Immaterialität, sichtbar gewordene Sprache, abgelöst vom Akt der Äußerung, eine Art Programm, das eine Form von “innerer Sprache” auslöst und steuert, die es ohne Schrift/Text nie gegeben hätte.)
6. Der Ulmer-Verlag ist einem ganz anderen Geschäft als der Hanser-Verlag, der deGruyter-Verlag ist in einem anderen Geschäft als der Rowohlt-Verlag usw.
7. Nokia wurde als Papierkonzern gegründet. Jetzt sind sie im Screen-Geschäft. (Sie stehen vor der Herausforderung, software-basierte Services und User Experiences verkaufen zu müssen, die für kleine Screens optimiert sind. Text spielt dabei neuerdings eine erstaunlich große Rolle, nebenbei gesagt.)
8. Die “Gutenberg-Galaxis” ist eigentlich eine Ansammlung von vielen kleinen Galaxien. “Das Buch” im Jahr 1775 war etwas ganz anderes als im Jahr 1840, 1873, 1926, 1955, 1984, 2010.
9. Niemand wird mehr Bücher als Träger von “Inhalten” kaufen. (Und auch früher war das nur ein sehr kleiner Teil des Geschäfts. Wenn überhaupt.)
10. Was mit “Inhalt” oder “Content” gemeint ist, ist Text. Text ist nicht dasselbe wie “Träger von Information”.
11. Steve Jobs’ entscheidendes Bildungserlebnis auf dem College, das er nach ein paar Monaten abbrach, war eine Kalligraphie-Klasse.
12. Wofür Leute Geld wirklich bezahlen, wenn sie physische Bücher kaufen:
- für Lese-Erfahrungen,
- für Kristallisationspunkte eigener Erinnerungs- und Gedankenprozesse,
- für Vergegenständlichung und Rückversicherung von Stücken der eigenen Individualität.
13. Das gilt genauso für “Deine Meerschweinchen: Was sie brauchen und was sie alles können” wie für “Die Welt ist flach” von Thomas L. Friedman oder für “Das Methusalem-Komplott” oder für “Bartimäus – Das Amulett von Samarkand” usw.
14. “Das Buch” in den Nullerjahren war nicht Einheitliches, sondern ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Objekte, die nur gemeinsam haben, dass sie aus Papier bestehen und Text in greifbare Form bringen:
- Wegwerfbücher: alles, was einem nicht leid tut, wenn man es im Zug vergisst;
- Coffeetable-Books;
- 'Handbücher' im Wortsinn (für den praktischen Gebrauch, Werkzeuge, sind irgendwann abgenutzt);
- Speicherbücher ("Nachschlagebücher");
- Welterklärungsbücher (landen im Regal, weil sie zusammen eine individuelle Sicht der Welt darstellen);
- Erfahrungsbücher (emphatische "Bücher", 'Jahresringe', landen auch im Regal), u.a. …
15. Das Buch ist nur eine von vielen möglichen Darbietungsformen.
16. Das Buch wird relativiert. Denn das digitale Buch ist ein Text, der auf einem Screen erscheint. Auf diesem Screen (zB eines Tablets) erscheinen aber auch noch andere Medien wie Web-Inhalte, Musik, Filme etc. Dadurch wird das Buch in Form eines Textes ähnlich wahrgenommen, wie heute bereits Musik wahrgenommen wird: Es ist immer zugänglich und auf Geräten (zB Smartphones, Tablets, Laptops) installiert mit denen wir auch noch 1000 andere Dinge tun. So wird das Buch - und das ist vielleicht traurig - auch etwas relativiert. Es ist ein Content unter vielen Formen des Contents. Die gute Nachricht: Es werden nicht weniger Bücher gelesen als früher. So wie heute auch nicht weniger Musik als früher (in Zeiten von Vinyl & Cds) gehört wird.
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