(das ist nur so hingeworfen, ohne jeden bezug auf alles, was es dazu schon gibt. also bitte verbessern. die idee war, eine kriterienliste zu bekommen, die ich anlegen kann an wissenschaften/paradigmen, die mir zweifelhaft erscheinen.)
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Was ist Wissenschaft?
Menschen in sozialen Sonderräumen (de facto: Universitäten, Forschungsinstitute) beschreiben in abstrakt-diskursiver Schriftsprache Phänomene und Praktiken, die in der Welt / im Leben auftreten. Sie erzeugen aus einfachen Bausteinen ein künstliches Modell für die erfahrene Komplexität der Welt und des Lebens.
Und zwar so, dass ein "Gebäude" entsteht: Anschlusspunkte, die es ermöglichen, dass sich Teilnehmer am Diskurs aufeinander beziehen können, so dass insgesamt die Differenzierung und Reichweite des Modells, und damit idealer Weise seine "Wahrheit", zunimmt.
Warum tun die Menschen das?
Um sich ein besseres Bild von der Welt und vom Leben zu machen: einfacher und komplexer; differenzierter und zusammenhängender; Binnenlogiken, Eigendynamiken und Wechselwirkungen erfassend. Ob dieses Bild "besser" ist, lässt sich im wissenschaftlichen Diskurs (einigermaßen) objektiv überprüfen und diskutieren: Das bessere Bild ist das "wahrere" Bild.
(Immer bezogen auf Grundannahmen des jeweiligen Paradigmas, aber dann gilt das, was hier für ein Einzelargument gilt, auch für die Einzel-Wissenschaft als ganze im Raum der anderen Wissenschaften.)
Wozu ist das "bessere Bild" überhaupt gut?
Dieses bessere Bild der Welt hilft auf dreierlei Art:
(1) Manchmal ermöglicht es, objektive Verfahren und Mittel zu finden, Menschen das Leben zu erleichtern und zu bereichern.
(2) In jedem Fall gibt das bessere Bild der Welt uns eine sinnvolle Orientierung: einen Rahmen und Leitfaden für systematisches (Weiter-)Handeln, (Weiter-)Forschen und (Weiter-)Diskutieren, der in die irgendwie "richtige" Richtung führt, so dass, relativ unkalkulierbar, der Eintritt von Fall (1) wahrscheinlicher wird.
(3) Und selbst wenn das bessere Bild der Welt keine klare Aussicht auf ihre Besserung eröffnet, und wenn es nicht einmal eine Richtung anzugeben scheint, die irgendeinen Erfolg verspricht, dann leistet es immerhin das Grundsätzlichste: dass die Menschen ein kompexes gedankliches Bild der Welt haben, das vorwegnehmend beschreibt, was mit ihnen geschieht und geschehen wird. Daraus ergibt sich selbst dann ein Gefühl von Würde, wenn keinerlei Aussicht auf Besserung der Welt besteht.
Wieso spielt Kritik eine zentrale Rolle?
Das Konstruieren besserer Bilder von der Welt erfordert in der Regel immer auch das Dekonstruieren weniger guter Bilder. Der Freiraum, den man nutzen will, muss in sehr vielen Fällen erst erschlossen werden.
Muss Wissenschaft immer in die Zukunft wirken? Muss sie Innovationen vorbereiten?
Im Prinzip ja, aber oft tut sie das nur indirekt, nämlich zurückblickend.
Denn auch und gerade die Beschreibung von dem, was früher geschehen ist, ist sinnvoll im Sinn von (2) und (3).
Und in vieler Hinsicht ist rückwärtsgerichtete Wissenschaft nötige Hilfe und Voraussetzung auch für das vorwärtsgerichtete Projekt der konkreten Verbesserung der Welt. Das gilt vor allem dann, wenn komplexe sozio-kulturelle Zusammenhänge im Spiel sind, die sich nicht "naturgesetzlich" wiederholen. ("Natur" hat - tendenziell - keine Geschichte. Beziehungsweise sie hat nur Geschichte, die den menschlichen Horizont um viele Größenordnungen übersteigt.)
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So. Und wie können wir jetzt mit den Mitteln des Web neue Formen für Wissenschaft finden, die diesen Kriterien genügen? Bis jetzt gibt es sie nur in Ansätzen.
Vielleicht nützlich auch eine eher epistemologisch-historische Begründung für die Notwendigkeit, "Wissenschaftlichkeit" zu rekonzeptualisieren: Wichtig ist die historische Dimension - also die Genese von dem, was "Wissenschaft" bzw. "wissenschaftliche Erkenntnis" genannt werden kann:
So wie alle ausdifferenzierten Subsysteme der Gesellschaft und ebenso wie die Erkenntnisform und -methodologie hat "Wissenschaft" eine eigene Geschichte, also eigene Regeln und Standards herausgebildet. Ihr aktueller Entwicklungsstand (nicht inhaltlich der einzelwissenschaften, sondern auf der Meta-Ebene das, was "Wissenschaftlichkeit" bedeutet) mag ihre Ungenügenheiten haben (praktisch: vgl. z.B. die kontraproduktiven Folgen des Peer-Review-Verfahrens; theoretisch zum Problem der allgemeinen Methodologie vlg. z.B. immer noch klassisch: Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Mit einem Postskriptum von 1969, 5. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1981. ISBN 3-518-07625-6). Sowohl Errungenschaften wie Ungenügenheiten sind immer kulturhistorisch, d.h. auch, zusammen mit Kultur veränderbar. Eine Wissenschaft auf der Höhe des Digital Age muss also ganz sicher das, was Wissenschaft genannt wird und das, wie Wissenschaft methodologisch vorzugehen hat, reformulieren, d.h. das bisher Gültige historisieren - also nicht zu den Akten legen und jetzt kommt etwas ganz Neues - sondern in ein neues Emergenzniveau überführen, will sie die - immer vorauslaufende - neue Praxis der Gesellschaft in ihrem System "abbilden".
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